Samstag, 26. März 2016

Der härteste Job der Welt

Ihre Jugendnaturlocke hängt an der Wand neben dem selbst reparierten Schrankscharnier in diesem männerfreien Haushalt. In ihrem ersten Bündel für die Zukunft auf dem hart gewordenen weichen Arm finden sich diese Locken nicht wieder. Kein Grund ohne Lächeln das Stadtbild zu bereichern. Sie hat Narben auf dem Rücken. Sie sollte mal das Fliegen lernen. Aber diese Zeiten streift sie ab mit einem zerrissenen Kussmund für ihr bereits Geborenes. Ein Junge.

Das Mädchen ist unterwegs. Schwangerschaftsgymnastik in einer alten angemieteten Turnhalle mit lackiertem Fichtenholz. Fenster bis zum Boden. Herren schauen zu und rauchen einhändig. Die andere Hand in der löchrigen Hosentasche zu der den Kerlen eine hübsche Näherin fehlt. Einer der Männer spricht sie an und behauptet, dass er von Babyhautpflege etwas verstünde. Einölen, mehlieren, Panade. Außerdem habe sie einen sehr schönen Bauch für ihr Alter.

Was es nicht alles gibt. Sie hat Verständnis für die Sehnsüchte der Menschen, möchte aber nicht mehr im Zentrum dieser Obsessionsgewalten stehen. Das mit dem zweiten Kind war jetzt ungünstig. Ihr Vater fragt, ob es denn künftig auch für das versehentlich abgelegte Mädchen versteckte Ostereier geben soll. Sie bleibt dabei, dass ungleich verteilte Liebe das Leben und ihre Menschen traurig macht.

Die Menschen sind so brutal, wenn sie nicht nachdenken. Aber ständig muss man ihnen verzeihen. Überall die gleichen Fratzen. Der schon geborene Knabe macht diese Fratzen nach. Manchmal hat sie Angst, er wäre selbst eine Fratze. Ihr Kind eine Fratze? Das wäre nicht auszudenken, aber auszuhalten wie letztlich alles. Bekannt kommen ihr nur die Gesichter ihrer ehemaligen Mädchengruppe vor, die eisern zusammengehalten hat und sich nun zur Frauengruppe emanzipierte. Für andere Menschen fehlt ihr die Zeit. Besonders für diese anderen Mütter.

Drei Kinderwagen, dahinter drei Beckengruppen in der überfüllten S-Bahn, während sie ihr Bündel mit einem Safran farbigen Tragetuch in der „Anhock – Spreiz“ Haltung rund hält. Sie erwischt sich dabei, wie sie andere raumgreifende Muttergestalten erschreckend findet. Aber ihre eigene Außenwirkung kennt sie nicht.

Eine dieser Frauen lächelt sie an mit einem undefinierbaren Grinsemündchen, schiefen Zähnen, einer sehr hübschen Stubsnase und großzügig einladender Stirn.

„Frohe Ostern?“

Sie streicht über ihr Tragetuch und nickt: „Wahrscheinlich schon!“

26. März 2016

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Z.B. Weihnachten

Zum Beispiel Weihnachten


In Deutschland ist auf einmal alles anders. Z.B. Weihnachten. Kein Winter, kein Schnee und Überstunden in der Sonne. Das Feiern ist den Patchworkern überlassen. Mit lebensgroßen Weihnachtsfrauimitaten überraschen sie ihre Kinder. Die Kinder sind angeekelt und derangiert. Die Kinder sind spießiger als Eltern. Ein neuer Trend übrigens. Die nächste Generation wird wieder mehr auf Familienfeste achten. Auf Abifeten wird nicht geknutscht, sondern gesketch Appt. Die Mädchen in ganz langen weißen Kleidern, die Knaben tragen schwarze Anzüge und Niqab, dies sind beduinische Gesichtsschleier und ist nur so ne Mode. Das hat nichts mit Religion was zum tun. „Was zum tun“ ist kunstbayerisch immer noch.

Die neue Generation redet kein kunstbayerisch mehr, sie versucht den Hamburger Dialekt nachzuahmen.

Ohne vierte Jahreszeit wird der Deutsche, die Deutschin mit Sicherheit depressiv. Es werden Generationen nachwachsen, die auf ihrer Abifete den ersten Schnee sehen. Sie müssen dann aufpassen, dass sie nicht in die falsche Straße einbiegen.

Bei uns daheim gibt es dieses Jahr einen interessierten Blick einer verschwindenden Spezies in die Zukunft und Biohuhn.

Frohes Fest.

24. Dezember 2015   





Montag, 28. September 2015

Rote Haare

Rote Haare


Früher hatte der Schimmer roter Haare etwas Besonderes. Man vermutete stets umgefärbte Zigeunerkinder, anstatt Sommersprossen unter blond roten Locken. Heute ist man ja ganz anders drauf. Ganz aufgeschlossen. Man ist sogar freudig aufgeregt, wenn man in Kochshows Rothaarige sieht. Kurzhaarige Rothaarige oder langhaarige Rothaarige. Aber nie solche mit Messerschnitt. Könnt ihr euch Rothaarige mit gradem Seitenscheitel vorstellen? Also ich nicht. Und doch muss es sie irgendwie geben. Vielleicht unter den Flüchtlingen. Versehentlich ein Ire darunter gerutscht, ohne Locken, aber mit roten Haaren. Die Haare so glatt wie halal. Oder wie der Schnitt im Döner, wenn der Rub bei der Hühnerkleinvariante deutlich zu Paprika mäßig ausgefallen ist. Glatt wie ein indischer Kinderkopf in Uniform. Nur hellrot eben. Also in etwa so, wie wenn das Hühnerfleisch zu lange in H Milch geschwommen ist.

Oder wenn eine Nordeuropäerin unter Palmen liegt und nebst dem Palmenschatten, der orange Charme des Lichtes ihren Scheitel berührt. Je älter man wird, desto dezenter wird die Erotik, näch. Und je schlimmer findet man sich selbst dabei. Man findet den Anstoß auf Rothaariges, weil irgendwo mal etwas attraktives Rothaariges mal rote Haare gezeigt hat. Wären aber alle Menschen rothaarig, dann spräche man jetzt von der Lava durch Europa, die hier oben angekommen, nun etwas abkühlt. Spätestens in den Fjorden verläuft alles. Der Norwegische Toll heisst die Menschen willkommen. Hier trifft Rothaariges auf viel grün, dazwischen ein weißes Kreuzschiff. Das Palmenbild mit dieser Frau, die in einer Kochshow war, auf einem Werbeplakat für ein Online Reiseportal.

Keine verbotenen Worte über Minderheiten und Breivik weggeschlossen. Alles ist ruhig.

Wir wandern durch weiße Zeltstädte mit syrischen Gesichtern. Wir schaffen Gelefelder Elbinseln (heute Jenfeld) für die Flucht in Mann und Frau. Wir stellen Plastikpalmen auf und malen in Zahlen Bilder wie aus der Grundschulfibel. Nur heute viel bunter und detaillierter. Der Mann bei der Essensausgabe wird mit roten Haaren dargestellt. Er heißt Hugo und ist Philosoph. Seine Großeltern waren Indianer aus dem Edelsteinstaat, der rot schimmerte. Idaho, wie I Phone oder Thomas I PUNKT. Wir erklären dem ersten wehrlosen roten Wollschopf die Funktionen eines deutschen Kartoffelsalates. Menschen anderen Glaubens erzählen wir mit etwas mulmiger Schafskopfsülze im wabernden Brain, dass der Playboy ein Lifestylemagazin für Rückenprobleme und Fleisch ist. Ähnlich wie Beef. Dieses ganz ausgezeichnet trocken gereifte Lebensmagazin. Unreines Fleisch kommt nicht in den Wasserkocher und auch nicht in den Kaffee.




Die Plastikpalmen biegen sich im Hamburger Wind.
„Unter Palmen schwört sichs leicht!“*

28. September 2015   

* Cäthe


Samstag, 7. März 2015

Herr Schwerenöter

Sie haben sich Bilder von Kindern angeschaut? Schämen sie sich! Und zwar auch noch auf dem Laptop und nicht dort, wo es anständige Menschen machen! Auf der Straße, in der Schule und im Kindergarten. Da wäre das vielleicht noch okay, wenn sie sich nichts dabei denken würden. Sie haben wohl was zu verbergen. Und sie wissen wohl auch, was wir uns zu jedem dieser Bilder denken können. Nämlich nichts, wenn wir wohl gesonnen sind. Sonst aber denken wir uns was. Und zwar denken wir uns was über sie aus, Herr Schwerenöter. Wir denken, dass ihnen das teuer zu stehen kommen muss. Wir denken, dass wir das Volk sind und wenn das Gericht sie nicht ..., dann sind wir die Petition. Jaja, ich weiß – unanständiges Wort, total zweischneidig und doppeldeutig. Aber es heißt nun mal so. Petition.

Ich habe als Junge lieber mit Petrapuppen gespielt, als mit Barbies, aber das geht sie hier schon mal gar nichts an. Wir waren eben arm zuhause. Na und? Ist man deshalb schon verdächtig? Sie sollen sich nämlich mal was schämen. Mein Bildschirm bleibt sauber. Meine Gesetze mache ich mir selbst und zwar immer strengere und diese Fotos in den alten Pappkartons, die sind von früher. Zumindest die, die ich ihnen nicht zeigen werde.

Wenn sie so gucken, wie sie gucken, wenn sie sich was angucken, dann wundern sie sich mal nicht. Dann werden wir schnell mal zum Till Schweiger, zum Volksschauspieler, zum Verräter von einem wie sie einer sind. Wie sie schon aussehen, wenn sie sich was dabei denken. Sie freuen sich bestimmt schon, wenn es Läuse in der Kita gibt. Dann laufen nämlich mehr davon auf der Straße rum. Und glauben sie gar nicht, dass ich glaube, was in der Lügenpresse über sie geschrieben steht.

Übrigens, ich nehme ihre Spende gerne an. Schließlich bin ich ja kein Lobbyist vom Kinderschutzbund. Ich bin Privatmann, also Privatfrau wenn sie so wollen und daher von Haus aus (denn auch ich könnte theoretisch Kinder haben oder wenigstens welche kennen) betroffen und in einem gesunden Sinne vollkommen entsetzt.

Sogar über mich selbst.

7. März 2015





Dienstag, 30. Dezember 2014

Fotografischer Jahresrückblick 2014




Fotografischer Jahresrückblick 2014


Eines Morgens wachte der Fotograf MVS mit Steinen in Kopf und Herzen auf. Dort wo Stein war, war vorher ein Bild, welches er einfach nicht losgeworden war. Auf dem Bild war ein Fischmensch, welcher sich durch die Stadt aalte. Der Fisch trug eine Laute und war augenscheinlich ein Musikant. Seine Stimme war hell und klar und so hoch und rein, wie die Stimme eines Kindes.

Der Fotograf packte seinen Rucksack mit Schmierkäse und Brot und seiner Kamera. Auf dem Weg in die Ecken der Stadt, begegneten ihn Menschen. Feine in Wellingsbüttel und Ohlsdorf, schnittige in Bergedorf und Wassermenschen ganz im Süden an Deich und Elbe. Er machte Bilder von Hügeln. Er fotografierte Graden und entdeckte Kurven in Fischform. Er sah Menschen die Bibel lesen. Diese entpuppte sich als ein Kindl und das Kindl entpuppte sich als ein Smartphone.

Er sprach Menschen an und sagte: Hallo!
Und er bekam zur Antwort: Läuft bei Dir!

Die Senfautomaten umsammelten ihn, wenn er Fotos machen wollte.
„Ey Gegenlicht, Alter!“ Junge Väter mit röstfrischen Kindern im Arm hatten schmale Hüften und entzückende Strickmützen auf.

Das ganze Jahr über war alles schon die ganze Zeit weder Winter noch Sommer und schon gar nicht Herbst. Kein Schnee, keine Schneeglocken, höchstens weiße Gloschen über den Rationen der Reichen. Und doch überall immer wieder Musik. Vor allen Dingen leise Musik. Der Rockn Roll in Miniaturform. In den Cocktailclubs wurde Bier getrunken. Endlich mal wieder, wenn auch viel weniger als früher.

Die Vivie Anns und wie sie alle heute heißen trällerten von Dächern wie die Nachtigallen. In den Betten herrschte Schieblehre. Grafische Genauigkeit neben dem, was sich Leben nannte, und neben dem was sich Fisch im Kopf schimpfte. Kein Karpfen, keine Forelle – irgendwas Asiatisches.

„Wir gehen Sushi!“
„Krass – ich Fußball!“

Die Dialoge wurden immer konzentrierter und fragten nicht nach Inhalt.
Manchmal traf der Fotograf alte Männer und Frauen auf der Straße und die redeten in ganzen Sätzen mit ihm und er war verwirrt. Sie behaupteten mit ihm früher in eine Schulklasse gegangen zu sein. Die Lehrer hätten damals in Lumpen gelehrt, meinten sie. Dafür waren seine alten Freunde mittlerweile auch völlig unnütz tätowiert und hatten meist junge SexualpartnerInnen mit reichen Eltern.
Sie fanden mittlerweile Udo Jürgens ganz passabel und hatten in letzter Zeit auch die alten Joe Cocker Scheiben wieder rausgeholt. Das sollte sich als schlechtes Omen entpuppen.

Ende September machte der Fotograf ein Selfie im Francis Rossi im Hard Rock Cafe. It’s rockin in a different way. Fisch muss Schwimmen.

Die ganze Elbe war dieses Jahr wie ein Netz und eine Leine, die seine Bilder immer wieder auffing. Deutschland wurde fast nebenbei Weltmeister. Das Tor zur neuen Heiterkeit war weit geöffnet.

Wenn da nicht dieser deutsche Griesgram wäre und dieser Stammtischhass allem Fremden gegenüber.

Irgendwann legte sich am Abend der Fischmensch wieder schlafen.

2014 ein Fotojahr wie kein anderes.




30. Dezember 2014

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Weihnachten im Kollektiv

Drei blonde kurzhaarige Frauen stecken gleichzeitig und sortenrein ihre kleistianischen Frisuren in den Gemeinschaftsflur. Die Frage hat sich auf Kochen mit viel oder sehr Fleisch bei veganen Hintergedanken zugespitzt. Man kommt ursprünglich vom Dorf aus Afrika, MVP, oder Thüringen. Da wurde stets die Sau durchtrieben und ein Gänseknusper kam auf den Tisch. Erstaunlich übrigens, dass mit Afrika und der blonden Kleistianerin.

„Du, wir müssen stets unsere eingefahren Weltbilder überprüfen, Matthias!“, sagt mir Carola. Sie wird bald achtzehn und übt schon mal für ein Leben als Erwachsene außerhalb des Kollektivs. Wir haben uns für Grünkohl entschieden. Natürlich Berge vom Markt, möglichst noch mit Frostspuren, welche nicht von der seelischen Kälte der Marktfrau stammen. Ich hab mal gesehen, wie in einer Kommune gewaltige Mengen an Dosenkohl den Keller verstellten. Das hat mich echt schockiert, du. Und dann diese schlechten roten Wurstfotos auf den Etiketten, die an maltesische Kinderarme erinnern. Ekelhaft! Ausgesprochen ungut! Gewissenlos!

Wer erinnert sich nicht an den mulschigen Geschmack von Dosenpilzen, die in der Dose unten vergessen wurden und die, je mehr man sie zerkleinert, immer mehr nach Weißblech schmecken!? Das war die Gulaschzeit. Alle hatten die Schnauze voll von Reis mit Scheiß. Anschließend dann kam die Phase mit frischen Pilzen an Dosengulasch.

Carola: „Wie pervers ist das denn!?“
„Fräulein, räum mal erst mal dein Zimmer weihnachtsgerecht auf!“
Das war Carolas Mutter, eine energische Weißhaarige von der Schwäbischen Alb, die wo schon früh alternativ geworden ist. Aber: „Ordnung ist das halbe Leben. Ohne Männr gohd alles besser!“ Sie heißt Beate.

Warum, frage ich mich, enden alle Weihnachtsgespräche über Essen immer bei Dosenravioli? Wohl weil dieser Geschmack am trefflichsten in unseren Befreiungsknospen etikettiert ist, meint Hans, der neue christliche Freund der unglücklichen Maike.

Ein politisch korrekter Baum für die genossenschaftliche Gemeinschaftsbude musste dann halt noch her. Wir haben uns dann doch für eine mit frauengerecht erotischen Symbolen versehene Ginsengwurzel entschieden.

„Fräuloi, dai Danga guggd raus. Dafür hon i di ned im Sinne vom Kollekdivs erzoga.“ Beate ist noch etwas ungehalten über ihre Tochter Carola, die sich halt noch entwickeln muss, näch. Irgendwie!

Brigitte ist der Meinung, sie stamme aus Kenia. Das hätte sie in einem Roman gelesen. Es ist zwar wissenschaftlich belegt, dass niemand der Brigitte heißt, aus Kenia stammt, aber Brigitte fährt da einen anderen Film und formuliert das so, in dem sie sagt: „Ich habe da einen anderen Ansatz!“

Maike und Hans setzen ein neues Kind an, weil das erste sehr kartoffelartig geratene vom Erstvater nach Ostdeutschland wegadoptiert wurde. Das macht betroffen, zumal das Kinderzimmer immer noch steht, als wäre es von einem frischen Kindergeruch ausgefüllt. Dieser neue Ansatz wird als christlicher Gedanke allgemein ganz gut angenommen.

Frohes Fest!




24. Dezember 2014


Montag, 4. August 2014

Fotos machen steht mir

Es gibt viele Arten von Fotografen. Toscani hat sie alle zu einer Kategorie zusammengedampft, in dem er sagte: Wir sind alle Fotografen!

Ich weiß nicht, ob man hinter diesen Satz ein Ausrufezeichen setzen sollte, ich habe es getan, weil ich gegen Ausreden bin: Meine Kamera war zu laut. Das Model hat was Falsches gegessen. Die Polizei war hinter mir her. Diese sog. Umstände verhindern das Stehen zum eigenen Bild.

Die Portraits der Welt sind nun einmal Selbstportraits des Fotografen, psychologische Expertisen der Seele, Gedichte und Naivitäten neben den Realitäten der Nachrichtenagenturen.

Bilder entstehen aus Neugier. Ich bin neugierig, weil ich schreibe, mit Menschen rede, gerne verfolge wie ein Schicksal zum Lebensinhalt wird und ein Stück Stein zur Geschichte. Ich gucke dahinter und darunter, interessiere mich entweder für das Bild oder die Menschen.

Gibt es dann also einen Unterschied zwischen Knipsen und Fotografieren? Es gibt kein Knipsen. Das ist die Wahrheit. Es gibt nur dass Bilder machen ohne Plan und ein fotografisches Erleben mit Plan. Bilder ohne Plan zeigen von dem Fotografen Seiten, die man nicht sehen möchte. Sie zeigen den noch fehlenden Respekt vor dem Objekt. Seelenloses Ablichten mit gesellschaftlich erhöhtem Titel. Da steckt kein Mühen dahinter, sondern der Drang nach einer schnellen Lösung.

Fotos machen braucht deswegen Zeit, weil es ein vor und danach gibt, unabhängig davon ob es im entscheidenden Augenblick ganz schnell gehen muss.

Wenn ich durch Hamburgs Stadtteile wandle, erlebe ich ihre Geschichte neu und sehe erst dann die Motivgesichter dieser Teile. Atmet dieser Teil grade heftig oder will er seine Ruhe vor mir haben? Je länger ich spazieren gehe, desto stiller wird es dann. Und nach zwei oder drei Stunden oder später gelingen dann die Bilder. Entstandene Bilder.

Als ich den Schauspieler und Oberstaatsanwalt a.D. Dietrich Kuhlbrodt treffe, nehme ich bei Gespräch und Keks die Kamera raus und erfahre alles, was ich sehen will. Viele Fotos sind dafür nicht nötig. Im Garten dann ergreift er den Himmel, die Verbindung zwischen seiner und meiner Geschichte. Ich habe in diesem Moment die kleine Fuji im Anschlag. Besser hätte es nicht laufen können.

Niederlagen sind aber lehrreicher. Der ganze mitgebrachte Schwung an Fehlbelichtungen, geplatzte Verabredungen, dass nicht vordringen können in die Selbstverliebtheit der zu Fotografierenden. Displaygucker, die sagen: Das sieht aber blöd aus. Damen und auch Herren, die in die Kamera schauen und auf Anweisungen warten, die es gar nicht gibt. Geschichtenerzähler, welche die Kamera meiden.

Deswegen behalte ich stets den ganzen heimgebrachten Balast der Speicherkarten und Negative. Nur die Gesamtfuhre gibt Auskunft über das Ganze, wie bei Winogrand oder dem einen oder anderen Fotofreund, dem ich begegnete.

Was machst du mit den ganzen Bildern? So die Frage der Leute.

Ich antworte, dass ich sie zu einer großen Collage im Kopf zusammensetze, weil ich nicht anders kann.

Gibt es mittlerweile deine Fotos deines Lebens? So keine Frage der Leute.

Ich antworte, dass es die mittlerweile gibt, aber dass dies eigentlich nichts zur Sache macht. Denn Fotos machen steht mir. Man wird angesprochen, ob man nicht der Fotograf sei, der dort damals dieses Bild gemacht hat, der in seiner Art das Regionalfernsehen ersetzt. So etwas freut einen natürlich in einer Zeit der Selfies und Outings.

Oft sagen mir über Fotografie die Nichtfotografen mehr als die Fotografen. Das ist ein erstaunlicher und auch böser Effekt.

Ich habe Bilder gemacht, die Assistenz darstellen, zwischen Behinderten und deren Assistenten. Man muss in sich schauen, um zu verstehen was da vor sich geht. Man muss begreifen, dass wenn die rechte Hand zum Greifen fehlt, diese dringend und immer und immer wieder ersetzt werden muss und der linke Fuß ebenfalls. Diese geflügelten Worte von Händen und Füßen zeigen mir wieder, dass sich die gemachten Bilder im Kopf sammeln, also in der Mitte.

Immer wieder werde ich zum Bildschnitt gefragt. Was ist ein guter Schnitt und was ein Schlechter? Erst einmal sollte man das Wesentliche sehen können und das Unwesentliche nicht. Schaut man auf das Gros der Handybilder bei Facebook und anderswo, dann bekommt man meistens flache und einfache Informationen. Also Zweck erfüllende und frontale.

Man stelle sich vor, man sitzt auf einer Bank im Park. Menschen gehen vorbei. Große und Kleine, Schnelle und Träge. Man sieht diese Menschen nie frontal von vorne, immer leicht von der Seite, immer eher abgewendet und immer eingebettet in ihrer Umgebung mit Weg und Park und anderen Menschen. Ebenso in der Bahn hinaus aufs Gleis und gleichzeitig in den Innenraum schauend. Alles nicht direkt, alles nicht Frontal. Alles hinter einem, flüchtig, nur zufällig präsent, gleich bleibend ruhig erzählend wie ein altes Röhrenradio. Gleichzeitig schrill und laut und knackig, wie die Nachrichtenlage im Smartphone. So wie man sitzt und so wie man sieht und wahrnimmt, so fotografiert man. Der Blick wandert vielleicht etwas nach rechts, ein störendes Element wandert vielleicht aus dem Bild. Man senkt vielleicht kurz den Blick um weniger Himmel drauf zu haben. Aber das ist schon die Grundlage für einen gelungenen Schnitt. Und wenn die Elemente die eigene Wahrnehmung verwirren, dann war zu viel zu sehen, zu viel Informationen. Weniger ist mehr. Mehr ist die eine Botschaft, mehr ist ein Bild was erzählt und nicht doziert.

Die Belichtungszeit löst keine Geschichte auf.





4. August 2014